das Phantom :( ~ nachgefaßt

Da ist sie also wieder, in einem durchaus lieb gemeinten Kommentar, die Frage: Nachgearbeitet? Und dabei hatte ich gedacht, auf dieser Seite das Thema schon totgeritten zu haben . . . nun denn, auf ein Neues!

Werkzeug: Sony Alpha 6000, Box, Netbook
Werkzeug: Sony Alpha 6000, Box, Netbook

Die Frage fußt in der impliziten Vorstellung, daß es irgendwo da draußen in der weiten Welt der Photographie ein unbearbeitetes, originales Bild gäbe, unverfälscht und wahr . . . dieses Bild ist, war, wird immer sein ~ ein Phantom! Und zwar in jeder Ebene, sowohl der analogen Photographie in der einfachsten Form, repräsentiert durch die analoge Boxkamera in der Mitte des Bildes, also auch in der modernsten Digitalphotographie, auch in der Form der ‚Out-of-Camera-JPGs‘, in den Medien und sogar im Bild, das das unbewaffnete Auge uns liefert, sozusagen als Referenz des ‚wahrhaftigen‘ Bildes.

Laßt uns mit der Box anfangen, der Urform der Amateurphotographie. Filmformat 6×9 cm, zwei Reflexsucher, einen für Hoch-, einen für das Querformat, fixe Blende, fixe Verschlußzeit, das wars schon fast. Zu der Zeit gehörte die Farbphotographie noch zu den Zukunftsträumen, es wurde Schwarzweiß photographiert, deshalb gehörte ein einschiebbarer Gelbfilter dazu, mit dem man den blauen Himmel etwas dunkler, Blattgrün und die menschliche Haut ein wenig heller machen konnte. Ein wenig Kontrastbeeinflussung also, das wars. Wenn man den Film zum nächsten Photohändler zum Entwickeln und Ausbelichten von Papierbildern gab, hatte man keinerlei Einflußmöglichkeiten mehr auf die Gestaltung des Bildes. Gnadenlos ausgeliefert war man allerdings den Schwankungen, die der Negativ- und Positivprozess beim Dienstleister verursachte. Welcher Negativentwickler wurde benutzt, war der frisch angesetzt oder schon alt, ausgelutscht schon am Ende seiner Kapazität? Wie wurde welches Papier belichtet und entwickelt? Wer die Mühe und die Kosten nicht scheute, konnte sich die Utensilien eines eigenen Photolabors anschaffen und hatte dann viele Möglichkeiten, auf die Ausarbeitung und Gestaltung jedes Bildes Einfluß zu nehmen, inklusive Ausschnitt, Helligkeit, Kontrast, perspektivischer Ver- und Entzerrung. Aber egal, ob man das machen ließ oder sich selbst in die Dunkelkammer gesetzt hat, bearbeitet wurde auf jeden Fall!

In der weiteren Entwicklung der Photoindustrie, vor allem im Zug des Aufstiegs der farbigen, wurden die Prozesse immer weiter standartisiert, um zu wiederholbaren Ergebnissen zu kommen. Ein Farblabor in Amateurhand blieb, weil die Prozesse nur aufwendig und kostenintensiv zu beherrschen waren, eher die Ausnahme. Um zu ansehnlichen Ergebnissen zu kommen, wurden die Kameras mit Sensoren (Belichtungsmesser) ausgestattet und schließlich auch mit Automatiken, die Blende und Verschlußzeit steuern konnten, zuerst einfach elektrisch angezeigt und mechanisch gekoppelt, dann ‚elektronisch‘ und schließlich sogar programmgesteuert, computerprogrammiert. Und des Amateurs liebstes Kind, der Autofokus, trat seinen Siegeszug an. Auch die Belichtungsmaschinen in den Labors wurden mit ‚Intelligenz‘ ausgestattet, analysierten die Negative und steuerten Belichtungszeiten und Farbgleichgewicht über Filter automatisch nach, um so gut wie möglich ein so-hätt-das-unter-optimalen-Bedingungen-aussehen-können Papierbild zu ergeben. Bearbeitet also auch da, der Einfluß des Photographen allerdings sehr eingeschränkt.

Mit der Entwicklung der digitalen Photographie und den dazugehörigen Bildbearbeitungsprogramme änderte sich das dann radikal. Selbst die billigste Kamera war ein kleiner Computer, der auf irgendein Motiv gehalten eine binäre Bilddatei ausspuckte, die mit einem Bildbearbeitungsprogramm optimiert oder bis ins Unerkennbare verändert werden konnte. Und ab da tauchte dann unvermeidbar auch die Frage auf: (Nach-)Bearbeitet oder nicht? Und was ist der Maßstab, die Referenz?

Nun, bearbeitet auf jeden Fall, das fängt schon bei der Auswertung und Interpolation der vom Sensor erzeugten Bildinformationen an, bevor überhaupt eine Bilddatei abgespeichert wird. Und geht weiter mit der Vorbereitung der Bildinformationen zur Abspeicherung im Standartformat der Digitalkameras, JPEG, das mit einer Kapazität von acht Bit pro Pixel nur recht eingeschränkte Bildinformationen aufnehmen kann und zusätzlich noch mehr oder weniger stark verlustbehaftet komprimiert wird. Vereinfacht ausgedrückt kombiniert die Digicam die Manipulationen nach eingestelltem Motivprogramm mit den so-hätt-das-unter-optimalen-Bedingungen-aussehen-können aus den vorher erwähnten Analogbelichtungsmaschinen, schärft je nach Einstellung des Users und/oder Gusto des Kameraherstellers nach, komprimiert die Bildinformationen und schreibt die dann auf eine Speicherkarte. Von wo sie dann von einem Computer ausgelesen und ~ weiter ~ verarbeitet werden kann.

Auch die Abspeicherung der besseren Digicams im markenspezifischen RAW-Format ist nicht ‚unbearbeitet‘. Denn die Interpolationen des Bayer-Mosaiks samt auch dadurch notwendiger Nachschärfung sind je nach Hersteller und Kamera durchaus unterschiedlich und werden zum Teil noch ~ allerdings verlustfrei ~ komprimiert. RAW-Dateien müssen zudem in jedem Fall entwickelt, sprich mit den Stellschrauben der möglichen Parameter von Helligkeit, Kontrast und Farbgleichgewicht, um nur die einfachsten zu erwähnen, nach-bearbeitet werden. Also auch hier: das unbearbeitete Bild ist ein Phantom!

Gut, und wie ist das nun mit dem menschlichen Auge, der Referenz des Sehens? Mal ganz abgesehen davon, daß wir binokular/räumlich sehen, abgesehen davon, daß das in uns erzeugte Bild nicht als rechteckige Fläche vor uns schwebt, sondern daß wir uns sozusagen mitten in einer 360°-Bilderkugel ohne Grenzen befinden, abgesehen davon, daß sowohl Schärfe als auch Iris/Blende je nach Punkt der Aufmerksamkeit in Bruchteilen von Sekunden nachgeregelt werden . . . dieses Rundumbild wird im Gehirn, unserem Sehzentrum, aus den Reizen, die in der Retina, dem Bio-Bildsensor in unseren Augen, erzeugt werden, wie in einem Panoramastitcher zusammengesetzt, nachgeschärft, in Richtung Standartfarbgleichgewicht nachgeregelt. Unser optisches Bild ist eine Interpretation, und die ist immer individuell. Auch hier bleibt das unbearbeitete Bild ein Phantom!

Es wird Zeit, daß sich der Konsument von Photos darüber klar wird, daß er immer eine Interpretation von Wirklichkeit vor Augen hat und nicht die Wirklichkeit selbst. Der/die engagierte PhotographIn sollte zudem die gestalterischen und technischen Prozesse verinnerlichen, die schon vor dem in-die-Hand-nehmen der Kamera, vor dem Auslösen, danach in der Kamera und zum Schluß in der Nachbearbeitung im Computer ablaufen, um das Bild zu erzeugen, das sie oder er seinem Betrachter zeigen will . . . und er oder sie muß sich bei aller Ähnlichkeit der Prozesse in unserem Gehirn und der Kamera plus Computer auch der Unterschiede bewußt sein, um nicht von den Ergebnissen enttäuscht zu sein. Oder er schert sich den Teufel darum und zeigt sie trotzdem, auch im Internet! 🙂

So, und jetzt will ich mich auch nicht um die konkrete Antwort auf die Frage nach meinen persönlichen Bildern drücken, am Beispiel einiger Bilder der vergangenen Tage . . . dazu vorab einige Bemerkungen über mein Handwerkszeug:

Wie man oben sieht, benutze ich eine Sony α 6000 über Adapter mit alten vollmanuellen Pentax-Objektiven. Oder, vom Kopf auf die Füße gestellt, ich benutze die Sony als digitales Rückteil für meine manuellen Objektive. Auf dem Bild ist das 28mm Objektiv zu sehen, an Kleinbild ursprünglich ein größeres Weitwinkel, ist es für die Sony mit dem APS-C Sensor das Normalobjektiv (28mm entspricht ungefähr der Sensordiagonale). Da Blende und Fokus manuell am Objektiv geregelt werden, kümmert sich die Sony als Zeitautomat nur um die Belichtung.

Die Photos werden als RAW in der vollen Auflösung von 24MP und parallel zur schnellen Übersicht und für die vereinfachte Verarbeitung unterwegs im Netbook als 6MP-JPG-Datei abgespeichert. Für die RAW-Dateien uninteressant, da wird das erst im Entwicklungsprozess gemacht, ist für die JPGs die Farbtemperatur auf 6000° Kelvin, also Tageslicht eingestellt. Ich verhindere damit, daß die für mich so interessanten Veränderungen der Farbtemperatur im Tagesablauf (z.B. in Richtung Rot/Gelb an der Schnittstelle zwischen Tag und Nacht) vom automatischen Weißabgleich herausgeregelt werden, ich mache das, wenn nötig, lieber nachträglich manuell. So wie ich das will.

* Abendhimmel über der Brücke zwischen Deltebre und St.Jaume *
* Abendhimmel über der Brücke zwischen Deltebre und St.Jaume *

Die Photos von der Abendstimmung über der Brücke im letzten Beitrag fand deswegen etwas unbefriedigend, weil ein winziges Bildchen auf einem Monitor bei aller Liebe eben nicht den Eindruck des unter-dem-Himmel-stehend erzeugen kann. Man müßte sich sozusagen das Bild über den Kopf ziehen können wie eine Bettdecke, und dann weit genug von den Augen weghalten 😉 Die purpurnen Wolken über der Brücke springen dann riesengroß direkt ins Auge. Ihr versteht, was ich meine . . . die Bilder sind um ca eine Stufe unterbelichtet, eine Vorgehensweise aus der analogen Photographie mit Diafilm. Das macht die Farben etwas intensiver, je heller, desto blasser werden die Farben. Ohne diesen Eingriff würde die Belichtungsautomatik die Belichtung auf mittlere Helligkeit hochziehen (also ‚verfälschen‘?), so ist sie programmiert. An Farbtemperatur und Farbgleichgewicht mußte ~ siehe oben, 6000°K ~ nichts geändert werden. So gut wie alle Bilder im Blog sind auf 640 bzw die vergrößerbaren wie das obige 2000 Pixel Breite skaliert und im Lab-Modus nur im L-Kanal (L=Luminanz, Licht, Helligkeit)unscharf maskiert. Dadurch werden nur die hell/dunkel-Konturen leicht nachgeschärft, während Farbkontraste unbeeinflußt bleiben und auf diese Weise ein eventuell vorhandenes Farbrauschen nicht ungewollt verstärkt wird.

* Abendhimmel über der Brücke zwischen Deltebre und St.Jaume *
* Abendhimmel über der Brücke zwischen Deltebre und St.Jaume *

Das obige Bild ist, um einen größeren Bildwinkel zu erreichen, aus zwei Photos mit Hugin gestitched. Und da habe ich tatsächlich, um den in meiner Erinnerung sehr viel stärkeren Farbkontrast zwischen Himmel und Straßenbeleuchtung links im Bild und auf der Brücke zu steuern, wieder im Lab-Modus, diesmal nur die Farbkanäle a und b manipulierend, über das Bild eine knallig bunte Ebene gelegt, die ich dann so weit transparent gemacht habe, daß der Gesamteindruck zusammen mit der Originalebene gestimmt hat. Vielleicht hätte man das noch einen Tick runterregeln können, nun ja! Ich benutze übrigens nicht Photoshop, das Lab nur rudimentär beherrscht, sondern PhotoLine32, ein sehr fittes Sharewareprogramm, das auch um einiges billiger ist (Lizenz nach Probezeit 69 €, Versionen für Windows und Mac).

Nachtrag: inzwischen habe ich das Photo noch einmal nachgearbeitet :), die Intensivierung im Lab-Modus etwas schwächer und neutraler, dafür in der darunterliegenden Ebene die Gradationskurve für die Mitteltöne noch sanft angehoben, um mehr Einzelheiten hervorzuheben . . . wer sieht den Unterschied?

* Abendhimmel über der Brücke zwischen Deltebre und St.Jaume ~ neue Fassung!*
* Abendhimmel über der Brücke zwischen Deltebre und St.Jaume ~ neue Fassung!*

Während bei den obigen Bildern die Intention die war, möglichst nah an den Seheindruck heranzukommen, scheue ich mich auch nicht, rabiatere Mittel anzuwenden, wenn es der Sache, will heißen, dem Bild dient, das ich im Kopf habe. Wie zum Beispiel dem Hippopotamus. Das Original war aus rosarotem Kunststoff hergestellt ~ ich bitte euch, ein rosarotes Nilpferd? Sah aus der Entfernung aus wie ein Schwein 🙁 Also flux die Hintergrundebene dupliziert, bei der oberen Ebene mit einem Klick das Schwein transparent gemacht, auf der unteren Ebene die Farbsättigung auf Null reduziert, fertig war das Hippopotamus!

Hippopotamus im Ebro-Delta!
Hippopotamus im Ebro-Delta!

Nun, das war auch nur das Bemühen, der Erwartungshaltung des Betrachters gerecht zu werden. Ein Nilpferd ist nicht rosa, sondern grau. Punkt! Beim Photo unten habe ich eine in der Natur nur ansatzweise vorhandene Farbigkeit und den Kontrast so auf die Spitze getrieben, daß ein wahrlich psychedelischer Trip entstanden ist. Und wieso auch nicht? Ein Photo ist ein Photo ist ein Photo. Und was zählt, ist nur das Photo, und sonst nichts . . .

carrepeitera surf club und bar
. . . leicht psychedelisch ~ carrepeitera surf club und bar ~ momentan geschlossen ;-}

Photographie vs Fotografie ~ pffffft!

* zwischen den Gebirgsketten eine Ebene, weites Land, weiter Himmel *
* zwischen den Gebirgsketten eine Ebene, weites Land, weiter Himmel *
* weich gewellt ~ Blick zurück zur Sierra de Maria *
* weich gewellt ~ Blick zurück zur Sierra de Maria *
* campo und cielo ~ Land und Himmel ~ noch weiter *
* campo und cielo ~ Land und Himmel ~ noch weiter *

Der alte Herr Magirus frißt Kilometer und Bergketten. Nach der Sierra de Las Estancias und der Sierra de Maria sind wir jetzt an der Puerta del Pinar zwischen der Sierra de la Sagra und der Sierra de Taibilla angekommen, auf 1600 Metern und einer Nachttemperatur gerade mal eben über Zero . . .

Zwischendrin eine weite Ebene mit teilweise schnurgeradem Straßenverlauf. Ich frage mich, ob unter der Andalusia 317 eine alte Römerstraße liegt. Eine Frage, die sich auch mit Wikikpedia, sogar in der spanischen Ausführung, nicht so einfach beantworten läßt. Jedenfalls haben die zwei ersten Bilder, obwohl gestitchte Panoramen doch eher Schnappschüsse der gestrigen Fahrt, an ein nun fast zwei Jahre altes Panorama erinnert, das ich nun in der etwas größeren Auflösung von 2000 Pixeln Breite nochmal anhänge. Die Originalauflösung von 12434 Pixeln Breite erreicht das zwar immer noch nicht, aber es füllt einen FullHD-Monitor. Das Original würde auch einem der neuen 4K-Monitore nur zu einem Drittel der Breite draufpassen. Die vergrößerungsfähigen Bilder hier im Blog (*chen um den Kommentar) entsprechen halt im Detailreichtum lange nicht dem Original . . .

Eine Nachricht aus dem Internet gestern inspiriert mich zum heutigen Thema des Blogs, und ich weiß noch nicht genau, wohin mich das führen wird. Schaumermal, dann sehn mer scho, gelle!

Der etwas seltsame Titel eines Interviews der Deutschen Welle zur Eröffnung der Photoausstellung von Wim Wenders im Düsseldorfer Museum Kunstpalast: ‚Bilder einer entleerten Welt: Wim Wenders‚. Auch die Zeit titelt etwas gesträubt: ‚Wim Wenders Blick fürs Sonderbare

Wim Wenders war für mich bis jetzt vor allem durch beeindruckende Filme bekannt, angefangen von der Highsmith-Verfilmung ‚Der amerikanische Freund‘ 1977 über ‚Paris, Texas‘ 1984, ‚Der Himmel über Berlin‘ 1987, ‚Lisbon Story‘ 1994, ‚Buena Vista Social Club‘ 1999 und ‚Pina‘ 2011, um nur die zu nennen, die ich selbst gesehen habe. Parallel zu seiner Regiekarriere hat er aber offensichtlich immer photographiert, eine Retrospektive zeigt jetzt einige seiner Photos, und ‚die haben etwas‘, um das mal so auszudrücken. Das Bild mit dem Hund vor Ayers Rock ist richtiggehend genial . . .

Das lesenswerte Interview zeigt einige Ähnlichkeiten in unserer Einstellung zur Photographie, das fängt schon mit der Schreibweise an, die wir beide trotz Rechtschreibreform (Deutschtümeln für Legastheniker in einer Zeit der Europäisierung und Globalisierung ~ wer kam blos auf die skurille Idee, international verständliche Begriffe in unverständliche deutsche Schreibweise zu verwandeln? pffffft!) hartnäckig verwenden. Photographie ist vom griechischen Wortstamm her das Zeichnen mit Licht, dem Motto, das auch über meiner Website steht. Es geht weiter mit der Einschätzung, daß Photographie im Gegensatz zur Filmerei als Teamwork eine notwendigerweise einsame Arbeit ist, weil nur im Alleingang die Möglichkeit besteht, sich wirklich auf das Objekt einzulassen, das für uns beide oft Landschaften sind. Auch in seinem Verhältnis zur Zeit in der photographischen Arbeit spricht er Dinge an, die für mich zentral im Verständnis von Welt und Photographie sind.

Unterschiede gibts natürlich auch: Wim Wenders photographiert streng analog mit einer Mittelformatkamera. Meine Mamiya liegt eingelagert unter dem Sofa, ich bin heilfroh um die Möglichkeit, über die digitale Bildbearbeitung meine Vorstellungen eines Bildes zu realisieren, wie ich sie in analogen Zeiten so nicht hatte. Nicht um Bilder zu fälschen, sondern um die Aussage auf den Punkt zu bringen. Siehe da . . . Und im Gegensatz zu Wim Wenders, der immer aus der Hand photographiert, benutze ich sehr gern mein Stativ, zumindest das Einbein ist meist dabei. Zu Mittelformatzeiten habe ich es auch noch selten benutzt, aber mit einer leichten Digitalkamera hoher Auflösung stößt man sehr schnell an die Grenzen, wo sich ein Verreißen mit schlechter Detailwiedergabe rächt. Außerdem gibt mir das Stativ die Zeit und die Ruhe, die Bildkomposition auszuarbeiten.

Aber zurück zum Thema: Wie kommen die Kulturjournalisten auf die Idee dieser Titel? Bilder einer entleerten Welt ~ Wim Wenders ~ Blick fürs Sonderbare. Sind die Titel mit Wim Wenders abgesprochen? Eine kurze Durchsicht der veröffentlichten Photos bestätigt meinen Verdacht: Auf einem von zehn Photos ist silhouettenhaft eine weibliche Person abgebildet, das wars. Mit dem Fehlen von Menschen auf Bildern kann sich Kultur nicht abfinden, das ist ‚LEER‘ und ‚SONDERBAR‘, bleibt letztlich unverständlich. Und dieses Unverständnis transportiert sich auch in der sturen Schreibweise nach neuer deutscher Art entgegen der Einstellung des Künstlers, so what?

Ein kleiner Einschub am Rande, weil Wim Wenders auch Jim Jarmousch in seiner Arbeit gefördert hat und ein Link auf der Website der Deutschen Welle war (und ich dessen Filme auch seeehr mag), habe ich den auch gelesen. Der Autor Jochen Kürten verballhornt den Film ‚Down by Law‘, Unten durch Gesetz, durchgehend durch den ganzen Artikel (vom 1.4.2015, inzwischen haben wir den 19.) inklusive Bildunterschriften mit ‚Dawn by Law‘, Morgendämmerung durch Gesetz. Einen Tag später immer noch nicht korrigiert, soweit zum Thema Kompetenz, Qualitätsjournalismus, zum Thema Kultur . . . 🙁
Hier mal wirklich angebracht der Disclamer, den man auf meiner Website so nicht findet, der trotzdem und in diesem Fall ganz besonders gilt: Ich lehne jegliche Haftung für externe Links ab, deren Inhalte liegen ausschließlich in der Verantwortung der jeweiligen Autoren und Besitzer! 😉

Zurück zum Thema:
Schon vor Jahren, als ~ damaliger ~ regelmäßiger Kulturzeitschauer und Fan von Andrea Meier fiel mir auf, daß Themen, die nicht Mensch-zentriert sind, so gut wie keine Rolle spielten. Sogar wenn einmal Photographie, die Arbeit eines Photographen einen Beitrag wert war, waren in der Regel Menschen abgebildet. Ich kann mich nur an eine Ausnahme erinnern, wo es um Luftbildaufnahmen afrikanischer Landschaften und Tiere ging. Der Kulturbetrieb treibt menschliche Nabelschau, der Blick nach draußen ist ihr fremd.

Nun ist Kultur selbstverfreilich im Menschsein verankert, da sie im Gegensatz zur Natur Menschgemachtes ist. Daß sie sich Schwerpunktsmäßig mit dem Menschen befasst, erstaunt also nicht. Daß sie alles, was nicht den Menschen zum Thema hat, so gut wie ignoriert, befremdet mich schon. Denn das war nicht immer so, erreicht aber in unseren Zeiten der Selfie-‚Kultur‘ einen traurigen Höhepunkt: Man kann sogar spezielle Butt-Selfie-Sticks kaufen, auf die man sein Smartphone klemmt, um seinen eigenen Hintern zu fotografieren (man beachte die Schreibweise) und zu Fakebook oder Instagram hochzuladen.

Der Mensch ist das Maß aller Dinge . . . zumindest für den Menschen, insofern hat der alte Philosoph (nicht Filosof!) Protagoras schon recht, aber genausowenig, wie die Welt, das Universum in einen Fuß oder Meter paßt, läßt die Beschränkung auf den Menschen auch nur ansatzweise eine Erkenntnis des Universums, der Welt oder auch nur der Welt des Menschen zu. Erst das Ins-Verhältnis-Setzen des Menschen zu den Ausmaßen dessen, was außerhalb des Menschseins eben auch noch existiert, hilft da ein bischen weiter. Und da versagt der moderne (früher: neuzeitliche) Kulturbetrieb, aber mit Karacho!

Die einzigen, die die entsprechenden Relationen des Verhältnisses vom Menschen zu seiner Welt noch im Auge haben, sind anscheinend Wissenschaftler: Geologen rechnen in Millionen von Jahren, Astronomen als Betrachter des Größten und (Astro- und Kern-)Physiker als Betrachter des kleinsten in Milliarden (genauer 13,6 über den Daumen) Jahren und als Distanz Lichtjahren (13,6 x 300000 x 60 x 60 x 24 x 365 km) . . . liegt vielleicht auch daran, daß in unserer jüdisch-christlichen und dann auch in der islamischen ‚Kultur‘ das Göttliche vermenschlicht (nach seinem Ebenbild) und damit auf menschliches Maß hinuntergebrochen wurde, während hinter den griechischen Göttern immerhin noch zwar personifizierte aber Natur-Gewalten steckten, vor denen man gerüttelt Respekt hatte. Wenn Zeus mal eben einen Blitz mit krachend Donner ins Haus schickte oder Neptun das Meer dynamisch an Land schickte, dann war das schon noch beeindruckend. Der heutige Gott jeglicher Provinienz kümmert sich nur noch darum, wer mit wem ins Bett geht und ob das Kind dann auch pflichtsgemäß ausgetragen wird. Waffen werden schon wieder für beide Kriegsparteien gesegnet, und dann aufeinander mit Gebrüll!

Und die Kunst? Ist zur Selbstdarstellungsorgie verkommen. Ob das mit den Konservendosen von Andy Warhol oder den Schießkünsten der Niki de Saint Phalle angefangen hat und wo es noch hingehen soll, keine Ahnung (aber davon viel! wie ein Kumpel von mir gerne sagt).

Über den Kunstmarkt läßt sich übrigens mehr Fundiertes sagen als über das Wesen und den Inhalt von Kunst. Dr. Martina Mettner hat das in der Zeitschrift c’t digitale Fotografie (04/14) so beschrieben (und ich hoffe, dieses kurze Zitat geht urheberrechtsmäßig durch): ‚Tatsächlich haben die meisten das Prinzip des Kunstmarktes nicht begriffen oder wollen es einfach nicht wahrhaben: Sie bieten eine Ware an, die nur wertvoll ist, wenn sie selten ist und alle sie haben wollen. Kunstmarkt ist Kapitalismus in Reinkultur . . . Der schöne Schein, es gehe um kulturelle Werte, muß unbedingt aufrecht erhalten werden, weil genau dieser ja Teil der Vermarktungsstrategie ist.‘

Zu diesem Kunstmarkt gehört logischerweise auch, daß extrem wenige Millionen für ein einziges Unikat erzielen wie Andreas Gursky, einem Feld- Wald- und Wiesenphotograph in Zeiten der Internetbildagenturen und CreativeCommons-Lizenzen für eine (große!) Veröffentlichung auf der Titelseite der Sonntagszeitung meiner seligen Heimatstadt der exorbitante Betrag von €uro 40,- (in Worten: vierzig €uro!) angeboten wird ~ und man noch dankbar sein soll, daß der Name des Photographen mit veröffentlicht wird. Wie auch immer ~ mit Dank abgelehnt!

 * das war das Photo ~ Störfall im AKW Fessenheim im Jahr 2010 *
* das war das Photo ~ Störfall im AKW Fessenheim im Jahr 2010 *

Bleibt für einen, der seit seinem 14ten Lebensjahr die Photographie als Mittel zur Entdeckung und Kommunikation seiner Welt benutzt, weiter das zu tun, was er tut, und sich das Gefühl von Sinn dabei zu bewahren. Und die Freude an dieser Arbeit, auch wenn zur Finanzierung der Reisen und des Lebensunterhalts nur ‚mein guter Name‘ auf der Kreditkarte beiträgt 😉

Spielereien

Nix Infrarot, Verbiegungen im HIS-Farbraum
Nix Infrarot, Verbiegungen im HIS-Farbraum
der letzte Tag ~ ein bisschen komplizierter
der letzte Tag ~ ein bisschen komplizierter
der letzte Tag ~ näher dran
der letzte Tag ~ näher dran
der letzte Tag ~ ganz nah mit Artefakten
der letzte Tag ~ ganz nah mit Artefakten

Spielereien mit der Bildbearbeitung. Man sollte nicht glauben, was man aus ein und derselben Bilddatei machen kann 😉