photographie ~ zeichnen mit licht

Für alle, die es gewohnt waren, auf www.quiXote.de meine Photos zu finden, die gibt es jetzt auf meiner neuen Domain www.ralfgutmann.eu

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Gedanken über die Photographie

Der Same, aus dem dieser Artikel entstanden ist, sind Fragen, die von Freunden und Fremden, die meine Photos betrachtet haben, an mich gestellt wurden. Fragen, die mich erstmal verblüfft haben . . .wenn man über die Jahre hinweg mit der Photographie sehen lernt und seine eigenen Arbeitsmethoden entwickelt, verliert man vielleicht den ’normalen‘ Blick auf das Medium Photographie . . .

Frage 1) Ist dieses Photos original oder mit dem Computer bearbeitet?
Frage 2) Absicht oder / und Zufall?
Frage 3) Was ist daran Kunst?

Frage 1) Ist dieses Photos original oder mit dem Computer bearbeitet?

Wer sich etwas näher mit der Materie beschäftigt findet heraus, daß die Frage so gestellt sinnlos ist: Jedes digitale Photo ist bearbeitet (und wenn es nur innerhalb der Kamera ist), genauso wie jedes traditionelle analoge Photo bearbeitet war, nur hatten die wenigsten Knipser Einfluß darauf, wie die Bilder bearbeitet wurden.

Der Ursprung dieser Ansicht lag wohl in dem Werbespruch von Kodak „Sie drücken den Knopf – wir machen den Rest“. Heraus kamen in diesem standardisierten Verfahren „gute“ Photos und „schlechte“ Photos, will heißen, Photos, in denen das abgelichtete Motiv so aussah, wie man es in Erinnerung hatte, und welche, in denen es nicht zu erkennen war oder anders aussah wie erinnert oder gewohnt, und das war dann eben Müll.

Vom Standart abweichende Verarbeitungsverfahren bei Negativ- oder Positivverarbeitung (etliche vor allem junge Leser dürften da schon nicht mehr wissen, von was ich rede!) waren wegen der erforderlichen Kenntnisse und technischer Ausrüstung nur engagierten Amateuren und Professionellen zugänglich und vor allem schwer kontrollierbar, weil das Ergebnis erst nach aufwendigen Verarbeitungsschritten sichtbar und nur durch penible Einhaltung immer derselben Variabeln reproduzierbar war.

Ich habe zum Beispiel seinerzeit mit einem Kodak Dia-Direkt-Verfahren innerhalb von kürzester Zeit einige hundert Mark, für mich damals ein kleines Vermögen, in wunderschön farbige Papierbilder verwandelt. Die Farben sahen aber so gut wie nie so aus, wie ich wollte, und ließen sich auch nicht reproduzieren. Das Problem war, daß der Prozess die Einhaltung der Chemikalientemeratur von 36°C in Grenzen von +/- 0,5°C verlangte – unmöglich mit meiner Ausrüstung. Thermostatkontrollierte Wasserbäder oder gar Entwicklungsmaschinen waren für mich unerschwinglich!
Also gings zurück zu S/W-Photographie, da waren die Variablen einfacher zu beherrschen . . .

Heutzutage kann jeder mit einer vollautomatischen kleinen digitalen Knipskiste Licht in Bilddateien auf Speicherkarten verwandeln, diese mit „einfach“ zu bedienenden Programmen und „Filtern“ am Computer bearbeiten und damit die erstaunlichsten – und haarsträubensten – Effekte erzielen. Und darauf zielt wohl auch die anfangs erwähnte Frage des Laien: Ist das nun Original oder „Fälschung“?

Einfach zu beantworten ist der erste Teil der Frage, und zwar als Negation. Das Original ist es jedenfalls nicht, denn das befand sich zur Zeit der Aufnahme vor dem Objektiv und nicht dahinter. Ein Photo ist IMMER nur ein Abbild der Wirklichkeit, ein kleiner, in der Regel rechteckiger, zweidimensionaler Ausschnitt aus einer im Minimum vierdimensionaler Wirklichkeit. Je nachdem, mit welcher Kamera, mit welcher Einstellung der Parameter Empfindlichkeit, Belichtungszeit, Blende, Farbtemperatur, Brennweite und Focus das Photo aufgenommen wird, wird es anders, je nachdem auch ganz anders aussehen, ganz zu schweigen von Standort der Kamera und der Richtung, in die geschossen wurde. Ein Photo ist eine Ab-Bildung, ein Photo ist ein Photo ist ein Photo ist ein Photo, und nichts anderes!

Fragt sich der Laie natürlich: Wieso reitet der Kerl so darauf herum, daß das Photo nicht das Original ist, das ist mir doch klar! Ich will doch nur wissen, ob das Photo die Wirklichkeit so abbildet, wie sie wirklich ist . . .

Und wie ist sie, diese Wirklichkeit?

Beispiel Farbgleichgewicht

Regenbogen ~ Farbe ist Licht, Licht ist Farbe!
Regenbogen ~ Farbe ist Licht, Licht ist Farbe!

Frage ich zurück: Welche Wirklichkeit? Nehmen wir als Beispiel die Farbe. Wir alle haben schon Photos gesehen, die einen „Farbstich“ hatten. Oft gibt es einen nachvollziehbaren Grund dafür, zum Beispiel haben Bilder bei Sonnenuntergang einen gelb-rötlichen Stich, na klar! Und in diesem Fall ist das auch – weil allgemein bekannt – voll akzeptiert. Anders sieht das aus, wenn das Bild einen unübersehbaren Blaustich hat, weil es bei klarem Himmel im Schatten photographiert wurde. Da sieht ein „weißes“ Blatt Papier plötzlich blau aus, genauso wie es unter einem belaubten Baum grün aussieht: Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen!

Otto Normalverbraucher assoziiert den Begriff Farbe mit Dingen, die materiell vorhanden sind. Und wenn ihm die Farbe nicht mehr gefällt, dann geht er in den Baumarkt und kauft eine Dose mit einer anderen Farbe, die wird dann darübergepinselt und gut ist!

Für den Photographen sieht die Sache etwas anders aus. Für ihn ist Farbe Licht, und Licht ist Farbe. Und das sogar, wenn er ein Bild in Schwarzweiß photographiert!

Zurück zu dem „weißen“ Blatt Papier, daran läßt sich sehr schön erklären, wie das so vor sich geht. Wieso ist das Papier blau, wenn wir es im Schatten photographieren? Und grün unter einem Baum? Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Die Dinge an sich haben gar keine Farbe, sie haben nur die Eigenschaft, Licht zu reflektieren. Das „weiße“ Blatt Papier ist insofern etwas Besonderes, weil es in gewissen Grenzen Licht jeder Farbe gleich stark reflektiert, und weiß ist ein ganzes Bündel von Licht in verschiedenen Farben. „Farbige“ Gegenstände reflektieren nur einen Teil des Lichts, vielleicht rot, vielleicht grün, vielleicht blau, oder eine Mischung aus einem ganzen Spektrum von Farben. Das „weiße“ Blatt Papier im Schatten sieht nicht nur blau aus, es IST blau, denn da nur das blaue Licht des Himmels drauffällt, kann es auch nur blaues Licht reflektieren. Und unter einem belaubten Baum IST es grün, weil nur durch das Laub gefiltertes grünes Licht darauf fällt und nur dieses Licht reflektiert werden kann!

Otto Normalverbraucher besteht darauf, daß das „weiße“ Blatt Papier weiß ist und nicht anders! Er sieht das so, und BASTA! Er sieht das so, weil er WEISS, das das Blatt Papier weiß ist! In der Analogphotographie, vor allem mit Diafilm, der nicht nochmal im Positivprozess nachbearbeitet wurde, ließ sich der Effekt aber eindeutig nachweisen.

Nicht umsonst hatte der analoge Photograph neben der Wahl zwischen Tageslicht- und Kunstlichtfilm (übrigens: Filme verschiedener Marken hatten unterschiedliche Charakteristika ~ es gab eher neutrale oder knalligere, kühle oder wärmere Filme), ein ganzes Set von Farbfiltern mit Tönungen in zartem rot, gelb, grün oder blau zur Verfügung. Die Farbmischung des Tageslichts verändert sich im Lauf des Tages, sogar ob bewölkt oder nicht macht einen Unterschied. Glühlampenlicht ist stark gelblich/rötlich eingefärbt, Leuchtstoffröhren haben ein sehr unregelmäßiges Spektrum mit starken Peaks. Mit der Wahl des entsprechenden Films und der Verwendung von Filtern konnte der Photograph das Farbgleichgewicht so verschieben, daß der EINDRUCK von „natürlichen“ Farben entstand, will sagen, als ob die Aufnahme bei „weißem“ Licht entstanden wäre.

Im Schwarzweißprozess konnte mit farbigen Filtern der Kontrast verändert werden, der Himmel dunkler, die Haut ‚brauner‘ oder weniger pickelig.
Moderne Digitalkameras regeln schon bei der Aufnahme das Farbgleichgewicht nach und versuchen, eine „natürliche“ Farbstimmung zu erzeugen, als ob die Aufnahme bei weißem Licht entstanden wäre. Das ist nicht ganz so einfach, weil die Kamera ja nur das vom Motiv reflektierte Licht auswerten kann, und das ist meistens farbig. Aber der kleine Computer in der Kamera tut sein Bestes!

Jetzt kommt der Clou! Die Kamera tut nichts anderes als Otto Normalverbraucher! Das menschliche Auge ist ja an sich ein relativ einfacher Apparat, eine Linse mit beschränkter optischer Qualität, Blende, Netzhaut, Scharfstellung via Verformung des Auges. Seine hohe Qualität bekommt das Bild eigentlich erst dahinter, im Labyrinth unserer Nervenzellen, im Gehirn. Insofern ist die moderne Kameratechnik mit dahintergeschalteter elektronischer Bildverarbeitung nichts anderes als eine Nachahmung des menschlichen Sehapparates. Und dank dieser modernen Technik können wir sehr viel besser verstehen, wie menschliches Sehen funktioniert.

Wenn ich mich recht entsinne, gab es schon in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts an einer Uni einen Versuch. Die Probanten mußten eine spezielle Brille mit Prismen tragen, dadurch waren alle sichtbaren Gegenstände und vor allem Lichter mit Farbsäumen umgeben, denn Prismen spalten ja weißes Licht in die Farben des Spektrums auf. Eine sehr irritierende Erfahrung jedenfalls, mit hohem Übelkeitsfaktor! Aber nach ungefähr 3 Tagen konnten die Probanten wieder normal sehen, ohne Farbsäume! Das menschliche Sehzentrum hatte den optischen Fehler einfach herausgerechnet. Nur: Nach Beendigung des Versuchs und Rückgabe der Brillen mußte sich das Gehirn wieder umgewöhnen – für eine gewisse Zeit sahen die Probanten jetzt die Farbsäume ~ ohne Brille.

Einen ähnlichen Effekt des Lernens machen diejenigen mit, die zum ersten Mal eine Gleitsichtbrille angepaßt bekommen. Es ist furchterregend, denn bei jeder Drehung des Kopfes scheint sich die ganze Umgebung zu verbiegen, da die Linsen nicht einfach spärisch geschliffen sind, sondern unterschiedlich für Nah- und Fernbereich. Dadurch entstehen im Übergang kräftige Verzerrungen, die einem den Mageninhalt übers Zwerchfell drücken können ;-} Aber nach ein paar Tagen hat man sich gewöhnt, man sieht wieder „normal“.

Zurück zur anfänglichen Frage: Was ist jetzt Original, was Fälschung? Die physikalisch korrekte Aufnahme mit Farbstich oder die „natürliche“, die bearbeitet ist?

Machen wirs noch ein bischen komplizierter: Mein Opa war Farben(rot/grün)blind. Und wie ich anläßlich einer medizinischen Eignungsprüfung auf dem Arbeitsamt als Jugendlicher attestiert bekommen habe, hat sich ein gewisser Teil seiner Farbenblindheit bis zu mir durchgeschlichen. Ich habe eine Rot/Grün-Schwäche, will heißen, ich kann sehr wohl Rot und Grün unterscheiden, nur ist der Kontrast zwischen den beiden Farben für mich nicht so stark. Rote Beeren in einem grünen Busch fallen mir nicht so sehr auf . . .

Haben Sie beim Augenarzt schon mal diese gepünktelten Bilder vorgelegt bekommen, in denen man Buchstaben oder Zahlen erkennen soll? Nun, auch ich habe diesen Test durchlaufen und fleißig Zahlen und Buchstaben angegeben. Bis der Amtsarzt in seiner Arroganz der Dummheit mir lautstark mitgeteilt hat, ich wäre ja total farbenblind, da wäre keine 3, sondern ein ichweißnichtmehrwas, und mein X wäre ein U! Erst sehr viel später habe ich erfahren, daß auf diesen Karten jeweils zwei Zeichen abgebildet sind, eines für die Normalsichtigen und eines für die RotGrünblinden. Und nach dieser Information konnte ich dann das Farbgleichgewicht verschieben, wahlweise das eine oder das andere der abgebildeten Zeichen sehen.

Viele Tiere sehen auch Farben, die für uns nur mit technischen Hilfsmitteln erfaßbar sind. Infrarot, Wärmestrahlung zum Beispiel, liegt unterhalb des Wellenbereichs, den wir wahrnehmen. Einige Digital(film)kameras zum Beispiel von Sony (night shot) sehen ingewissem Maß Wärmestrahlung, Wärmebildkameras sind darauf spezialisiert. UV-Licht, ultraviolett, liegt oberhalb unseres Sehbereichs, bräunt unsere Haut, unsere Augen sind dafür blind. In welcher Ebene, in welchem Winkel das Licht schwingt, ist für uns unsichtbar. Bienen können das aber sehen und navigieren unter anderem mit polarisiertem Licht des Himmelsblaus.

Worauf ich hinauswill: Farbensehen ist eine individuell sehr unterschiedlich ausfallende Fähigkeit, wahrscheinlich sieht jeder Farben anders, und empfinden schon ganz und gar. Farbensehen, Sehen an sich ist immer Interpretation von Wirklichkeit, nicht richtig, nicht falsch, vielleicht nicht mal besser oder schlechter, sondern nur anders.

Beispiel Belichtung(sspielraum)

Nehmen wir als Beispiel die zwei folgenden Photos eines Sonnenaufgangs, die vom selben Standort innerhalb weniger Sekunden entstanden sind – mit unterschiedlicher Belichtungszeit . . . das eine ist so belichtet, daß die Farben des Himmels so abgebildet werden, wie wir sie wahrnehmen, das andere so, daß Einzelheiten der Landschaft, im ersten Bild nur scherenschnittartige Silhuette, zu erkennen sind. Welches der Photos ist jetzt ‚wahr‘, ’natürlich‘?

Sonnenaufgang ~ auf den Himmel belichtet
Sonnenaufgang ~ auf den Himmel belichtet
Sonnenaufgang ~ auf den Vordergrund belichtet
Sonnenaufgang ~ auf den Vordergrund belichtet

Die Antwort: Keins von beiden, und trotzdem beide! Genauer gesagt würde eine Kombination aus beiden Photos am ehesten unserem Eindruck entsprechen. Aber in einem Schuß geht das nicht, weil die Kontraste zu hoch, der Belichtungsspielraum der Kamera zu gering ist!

Eine Kamera schießt ein Bild, wenn wir aufs Knöpfchen drücken, und je nach Einstellung ~ entweder von einem selbst gesteuert, oder von der Kameraautomatik ~ wird das Photo, diese rechteckige Fläche, komplett anders aussehen. Der Mensch, der in dieser Welt steht, sieht keine rechteckige Fläche, er sieht Umgebung, Raum, Licht! Und zwar selektiv, seine Aufmerksamkeit wandert von einem Objekt zum anderen, je nach seinem Interesse. Und die Schärfeebene, der Focus, die Öffnung der Iris, die Blende, sowie die Empfindlichkeit und das Farbgleichgewicht werden in jedem Moment an die Bedingungen der Umgebung angepaßt, je nach dem, worauf unsere Aufmerksamkeit fällt . . . die Summe der einzelnen Eindrücke, gefiltert von unserem Interesse, ergibt das Bild, das wir von der Welt sehen. In jedem Moment neu. Jeder anders, immer verschieden.

Die Kamera sieht anders. Sie extrahiert ein Bild, eine rechteckige zweidimensionale Fläche, aus Zeit und Raum, aus einer vierdimensionalen Welt. Und das wird, je nach Einstellung der Parameter Brennweite, Fokus, Blende, Belichtungszeit und nicht zu vergessen der Perspektive, ein anderes Bild sein. In dem Moment, wo dem Photographen das bewußt wird, und er danach handelt, und die Technik der Kamera versteht und beherrscht, da entsteht Photographie als Kunst . . . was zählt, ist das Bild, und nichts anderes . . .

und damit kommen wir zu

Frage 2) Absicht oder / und Zufall?

Auch wieder eine Frage, über die erstmal intensiv nachgedacht werden mußte . . . an sich ist JEDES Photo ~ mit Ausnahme von denen, die aus versehentlicher Auslösung entstehen ~ ein Willensakt des Photographen. Man nimmt die Kamera in die Hand, hebt sie vors Auge oder montiert sie sogar auf ein Stativ, und drückt das Knöpfchen. Was soll daran Zufall sein?
Und doch war die Absicht hinter der Frage verständlich. Wenn man einhundet Menschen mit Photoapparat auf ein Motiv losläßt, kommen mindestens einhundert verschiedene Bilder heraus, und die werden von einhundert verschiedenen Betrachtern als unterschiedlich interessant, als unterschiedlich gut bewertet. Welche Rolle spielt dabei der Zufall?

Um die Frage des Motivs erweitert: Wer nimmt bei welcher Gelegenheit vor welchem Motiv die Kamera vors Auge und macht ~ welches Bild?

In diesem speziellen Fall ging es um einen Schwerpunkt meiner Arbeit, der Landschaftsphotographie, und in gewissem Rahmen bezog sich die Frage auf Photos, die in einer speziellen Situation entstanden . . . war ich ‚zufällig‘ in dieser Situation und hab sie nur genutzt? Ganz sicher hätte ich diese Aufnahmen nicht zu Hause vom Sofa aus machen können. Die wenigsten Landschaftsaufnahmen entstehen vom Sofa aus . . . ;-}. . . man geht oder fährt zur Landschaft hin. Zu welcher Landschft fährt man hin? Meine Art zu leben, in einem zum Reisemobil umgebauten alten Bus, gibt mir sicher mehr Möglichkeiten . . .

Wann nimmt man das Photo auf? Morgens, mittags, abends? Frühling, Sommer, Herbst oder Winter? Sonnenschein oder Regen? Die erste Begegnung mit einem Motiv kann durchaus vom Zufall geprägt sein ~ man stolpert über etwas, was einen interessiert, vielleicht sogar fasziniert . . . unter Umständen entsteht sogar in dieser ersten Begegnung ein eindrucksvolles Photo, und der Photograph freut sich darüber ;-}

Meist ist es aber so, daß in dieser ersten Begegnung nur die Idee eines Bildes geboren wird, die Umsetzung dieser Idee aber noch viel Zeit braucht ~ und Arbeit, sowohl äußerlich sichtbare mit Kamera und Computer, als auch interne, Kopf-Arbeit! Denn die Idee ist erstmal nur ein Funke, der zu einem Feuerchen angefacht werden will, das dann die Seele des Betrachters erwärmen kann . . .

Bei der Umsetzung einer Idee gibt mir die moderne, digitalisierte Bildverarbeitung Mittel in die Hand, von denen ich in der analogen Zeit nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Im Gegensatz zur analogen Welt ist jeder Arbeitsschritt mehr oder weniger sofort am Monitor kontrollierbar, und so können in einem ständigen Prozess der Veränderung und Kontrolle Bilder entstehen, die so in den alten Zeiten nicht möglich waren . . . wobei das ~ abgewandelt ~ so ist, wie der Schriftsteller Robert M. Pirsig in ‚Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten‘ über das Schweißen geschrieben hat: Wenn man weiß, wie es geht, kann man jedes Bild erzeugen, das man haben will . . . wenn mans nicht weiß, jedes Bild, bis auf das, was man haben will . . . ;-} und ich lerne immer noch dazu, jedes mal, wenn ich an einem Photo arbeite . . .

Wenn ich nun aber aus jedem Photo, aus jeder Bilddatei, sozusagen unendlich viele unterschiedliche Bilder generieren kann . . . welches Photo steht dann am Ende der vielen Bearbeitungsschritte? Damit landen wir bei

Frage 3) Was ist daran Kunst?

Ich möchte dazu erst einmal zu dem Moment zurückgehen, in dem technisch gesehen der Ursprung jeder Photographie liegt, der Moment, in dem man das Knöpfchen drückt. In diesem Moment befindet sich:

Vor der Kamera das Motiv . . . (welches?)
Hinter der Kamera der Photograph . . .
Anders beschrieben als Reihe: Motiv ~ Objektiv ~ Subjektiv . . .

Lassen wir mal unsere Assoziationen schweifen . . . und schauen, wo wir am Ende dann hinkommen . . .

Motiv heißt übersetzt so viel wie das Bewegende, will heißen, was den Photographen dazu bringt, aufs Knöpfchen zu drücken (wie macht das Motiv das?)

Das Objektiv ist das Ding, das das Motiv auf Film oder modern auf Sensor bannen soll, auf daß es für immer und ewig fest ist, sich nicht mehr bewegen kann . . . und das soll es möglichst ‚objektiv‘ tun, ohne zu verändern, ohne etwas hinzuzufügen, ohne etwas wegzunehmen . . .

Subjektiv kann zum einen ein übles Subjekt sein, zum anderen eine interpretative Instanz, die subjektiv, das heißt, vom eigenen Standpunkt aus, die Welt interpretiert . . .

Damit kommen wir zum Begriff der

Perspektive

Zunächst einmal ein paar Worte zur Begriffsbestimmung. Entgegen der Auffassung der meisten Laien hat Perspektive relativ wenig mit der Wahl des Objektivs zu tun. Das Objektiv, beziehungsweise das Verhältnis von Brennweite zu der Größe des Bildsensors, bestimmt den Bildwinkel, insofern ist eine Aufnahme mit einem Teleobjektiv ein exakter Ausschnitt einer Aufnahme mit einem Weitwinkelobjektiv ~ vorausgesetzt, die Aufnahme ist vom selben Standpunkt aus aufgenommen! Eine wirkliche Veränderung der Perspektive ~ und auch des Bildes ~ erreichen wir NUR durch eine Veränderung des Aufnahmestandpunkts ~ näher ran / weiter weg ~ höher / tiefer ~ weiter links / weiter rechts ~ oder von der anderen Seite aus . . .

Die grundlegensten Eigenschaften einer Photographie werden im Moment der Aufnahme durch den Standpunkt und die Richtung der Kamera respektive des Photographen festgelegt . . . der photographierende Laie sieht ein Motiv, sagt sich ‚oh wie schön!‘, hebt die Kamera zum Auge und drückt aufs Knöpfchen . . . der Photograph sieht das Motiv, denkt das Bild, sucht, findet hoffentlich, seinen Standpunkt, die Perspektive, stellt, je nach dem, was er erreichen will, die Parameter seiner Kamera ein, drückt ~ vielleicht gleich, vielleicht später, das Knöpfchen, macht das Bild . . .

Gehen wir in Gedanken noch einen Schritt zurück: Was bringt diesen Menschen, der sich Photograph nennt, dazu, viel Geld, Zeit und Mühe in eine Tätigkeit zu stecken, die sich meist nicht oder nur unter Schwierigkeiten in einen Lebensunterhalt umwandeln läßt?

Sinn macht diese Aktivität nur, wenn wir das Ende der Kette mit einbeziehen, den meist unbekannten Betrachter der Photographie. Photographie ist (zumindest der Versuch der) Kommunikation. Der Photograph versucht, eine Information, eine Idee, eine Emotion, vielleicht ein Lebensgefühl zu übermitteln. So gesehen ist eine Photographie vor allem eine Botschaft über den Standpunkt des Photographen, eine Botschaft, die allenfalls versteckt in der jeweiligen Photographie zu finden ist. Denn das eigentliche Motiv befindet sich IMMER hinter dem Objektiv, abgebildet wird aber nur das, was VOR dem Objektiv liegt . . .

Ob es gelingt, dieses eigentliche Motiv, wiewohl unsichtbar, zu transportieren, entscheidet darüber, ob das eine gute Photographie ist oder nicht. Und immer ist das ~ auch ~ die Entscheidung des Betrachters. Auch er interpretiert und wertet, sowohl das Photo als auch die Welt, auf der Basis seiner Erfahrungen und seiner Sicht der Welt . . .

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