es zieht sich . . .

teilgestrippter Motor Deutz F6L912
teilgestrippter Motor Deutz F6L912

Nach (zufällig) genau einem Monat Blogabstinz wird es wirklich wieder einmal Zeit, Zeugnis abzugeben über die Fortschritte an der Wiederherstellung des alten Herrn Magirus. Und wahrlich, ich sage euch, es zieht sich hin und hin. Zu den Plagen, die den Fortschritt zum gelobten Land der Mobilität blockieren, zählen Ersatzteile, die nur in der Virtualität der Datensysteme existieren, wohl aber vor nicht nachvollziebarer Zeit den Weg aus der Realität ins allseeligmachende Nirvana gefunden haben. Oder schlichte Rollenkränze als Lagerung von Getriebewellen, die wie alter Wein oder Whiskey im Wert in Preisregionen des oberen dreistelligen Bereichs klettern. Oder zu überarbeitende Innereien des alten Herrn Magirus, die auf dem Weg der Logistik durch die Republik oder auch in den ehrwürdigen Hallen der deutschen Industrie sich in Luft auflösen.

Schwungscheibe abgedreht
Schwungscheibe abgedreht

Ohne die Bekanntschaft von engagierten und hilfsbereiten Menschen, die ich in dieser Zeit kennenlernen durfte, wäre das alles nicht auszuhalten gewesen. Für die verschwundene Kupplung gibt es Ersatz, daß die Ersatzteile mehr kosten, als ich freiwillig bezahlen würde, ist Schicksal. Wat mut, dat mut! Die Schwungscheibe wird von Gabor, dem pensionierten Werkstattmeister, plan gedreht, damit die neue Kupplung wieder gut greifen kann.

Dreck von Jahrzehnten ~ Diesel und spanischer Staub verbinden sich zu dichtem Zement
Dreck von Jahrzehnten ~ Diesel und spanischer Staub verbinden sich zu dichtem Zement

Und womit verbringt der festgenagelte Reisende seine Zeit? Er nimmt sich den Motor des alten Herrn vor und befreit die Kühlrippen des luftgekühlten Deutz von einem Zement aus feinversteubtem Diesel und ebenso feinem spanischem Staub, der sich auf Exkursionen über iberische Pisten durch diverse Gebirge angesammelt hat. Tüddelige Arbeit mit Fahrradspeichen, Draht- und alten Zahnbürsten. Kann man als Meditation sehen, aber auch Meditation kann einem irgendwann zum Hals heraushängen.

Nach der Säuberung wieder Durchzug :)
Nach der Säuberung wieder Durchzug 🙂

Obwohl ich schon schlimmere Schmierereien in der Gemeinde der Magirusliebhaber gesehen habe, soll der Motor des alten Herrn wieder dicht werden. Der überwiegende Dreck kommt dadurch, daß die Kegel der Einspritzleitungen in ihren Konen nach mehrfacher De- und wieder Montage nicht mehr wirklich dicht sind. Die Kegel sind aus weichem Material, das sich bei der Erstmontage dicht in die Konen schmiegt und dabei komprimiert wird, mit jeder neuen Montage klappt das weniger gut. Dann nebelt der Diesel den Motor ein, Staub wird von der Lüftungsturbine angesaugt, und fertig ist die Sauerei . . .

Kegel der Einspritzleitungen
Kegel der Einspritzleitungen

Auch die eine oder andere Diesel- oder Ölleitung ist durchgescheuert und muß ersetzt werden. Zusammen mit einer Wartung der Reiheneinspritzpumpe und diversen Dichtungen sammelt sich das auf eine Investition von knapp tausend €uronen, nur für den Motor. Plus tagelange Arbeit, in der der Dreck gefühlt von der Maschine auf den werktätigen Gutmann übertragen wird, der so lange wie möglich die Hoffnung schürt, daß der Saustall irgendwann ein Ende haben möge . . .

durchgescheuerte Öl- und Dieselleitung
durchgescheuerte Öl- und Dieselleitung

Damit man hinterher auch sieht, daß alles dicht 🙂 ist, oder man sieht, wo noch irgendeine Flüssigkeit durchsickert 🙁 wird der gesäuberte Motor wieder in dem jungfräulichen weiß gespritzt, mit dem Magirus zumindest die Busmotoren verschönt hat. Die hitzebeständige Farbe bekomme ich übrigens nicht im Fachhandel, sondern beim Lebensmitteldiscounter. Die übliche temperaturbeständige Farbe muß bei Temperaturen eingebrannt werden, die das Motorgehäuse hoffentlich nie erreicht, das wäre nämlich wirklich ungesund. Heizkörperlack normalerweise nur beständig bis 80°, aber die Variante im Angebot von Lidl 170° ~ ein Schnäppchen, das den Gutmann freut!

frisch gewartete Einspritzpumpe am neu lackierten Motor
frisch gewartete Einspritzpumpe am neu lackierten Motor
die andere Seite ~ noch ohne Anlasser, Lichtmaschine und Auspuff
die andere Seite ~ noch ohne Anlasser, Lichtmaschine und Auspuff

Was noch zu tun bleibt, bevor Getriebe und Kupplung repariert wieder bei uns eintreffen, ist, die Ölwanne abzubauen, die Dichtflächen wieder plan zu klopfen und sie mit Dichtmasse neu zu montieren, damit auch hier kein Tropfen Öl mehr austritt. Aufgabe für die nächsten Tage.

der alte Herr Magirus bekommt Gesellschaft ~ Geräteanhänger der VEB Feuerlöschgerätewerk Görlitz, Baujahr 1962
der alte Herr Magirus bekommt Gesellschaft ~ Geräteanhänger der VEB Feuerlöschgerätewerk Görlitz, Baujahr 1962

Und sonst? Der alte Herr Magirus hat Gesellschaft bekommen, soll nicht immer nur alleine unterwegs sein. Ein Geräteanhänger der VEB Feuerlöschgerätewerk Görlitz aus dem Baujahr 1962 soll ihn ab und an begleiten, beladen mit einigem Krimskrams, der oft den Innenraum verstopft, außerdem meinem Fahrrad Vincent und meinem wieder zu reaktivierendem Taschenmotorrad, einer Honda DAX, gepimpt mit einem 110cc-Motor und verschönert mit breiten Alufelgen. Auch das wird wohl eine unendliche Geschichte werden . . . denn der Hänger braucht zuallererst eine zum alten Herrn kompatible Deichsel, und dann den Segen von TÜV und Zulassugsstelle.

5 Antworten auf „es zieht sich . . .“

  1. Das freut den geneigten Leser. Nein nicht dass es sich zieht, sondern die Fortschritte erfreuen.
    Was für eine herrliche, einfache, nicht chipverseuchte Technik. Sie taugt sogar für die Kunst, wie das Bild der durchgescheuerten Öl/Dieselleitung vor dem sägerauen Holz deutlich zeigt.
    Wenn der Motor schon mal so schön zugänglich ist, empfiehlt es sich auch die Einspritzdüsen zu prüfen, bzw. prüfen zu lassen, wenn nicht bereits geschehen.

    Der Anhänger ist ja putzig.
    Wäre es keine Option, dem Busle ein Rockinger Maulkupplung (Bolzenkupplung) zu spendieren, z.B. eine „Variobloc“? Bei der kann man zudem zwischen Kugelkopf und Bolzenkupplung wechseln. Damit könnte der Hänger bleiben wie er ist, vorausgesetzt die Kupplung lässt ich in der passenden Höhe montieren.
    Anzuschauen unter https://www.jost-world.com/produkte/rockinger-strassenverkehr/variobloc.html

    1. Willkommen an Bord, Manfred.
      Mal abgesehen, daß mir eine Rockinger zu massiv wäre (die Träger für die Anhängerkupplung könnte man eh genausogut an einen Panzer montieren), die Höhe paßt wirklich nicht, die Kugel schwebt nicht viel höher als bei einem PKW. Und eine neue Zugstange kostet nicht die Welt.
      Der Tip mit den Einspritzdüsen ist sicher gut, aber die hatten wir das letzte Mal in der Mache, die sind hoffentlich noch OK.
      Jedenfalls hoffe ich, daß ich bald wieder los kann 😉

  2. Danke für den nochmaligen Willkommensgruß. Aber ich bin derselbe Manfred wie im Beitrag „Abend“. Weiterhin viel Erfolg und Geduld!

Kommentare sind geschlossen.