
ars natura

Wie schon neulich einmal bemerkt, begegnen einem die besten Dinge mehr oder weniger zufällig, auf dem Weg. Nachdem der alte Herr Magirus eine steile Straße hinaufgeklettert ist zu einem Paß, finden wir oben einen Querweg, an dem schon einige Autos unter alten Bäumen parken. Schon seit einiger Zeit halte ich die Augen nach einem Platz für die Nacht offen, keine Lust mehr weiterzufahren, also stellen wir uns einfach dazu . . .

Ein Glücksgriff, wie sich bald herausstellt. Denn dieser Querweg hat viele Namen, Hessenweg, Fuldasteig, auch ein X mit drei, aber auch Ars Natura. Und so finden sich links und rechts des Weges immer wieder in Nischen Kunstwerke, manchmal muß man auch mal 350 Meter ab vom Weg gehen, z.B. um die Installation Cinema Natura zu sehen, fünf Stühle als Einladung, Platz zu nehmen und in Ruhe die Landschaft zu genießen.

Angefangen hat das wohl im Jahr 2000, als auf einer kleinen lauschigen Lichtung die Bürgerinnen und Bürger des Ortes Alheim eine Gruppe von Liegen aufgestellt haben. In den Jahren danach ist das Projekt weiter gewachsen. Bei meinen Recherchen im Internet habe ich auch herausgefunden, daß ausgerechnet am Tag meiner Ankunft an dieser Stelle ein neuer Rundweg eingeweiht wurde. Nicht umsonst also der Umtrieb an diesem Sonntag 🙂






Besonders gut gefallen haben mir die drei Wächter von Barbara Neuhäuser, archaische Figuren, die in kleinen Waldnischen stehen und aufpassen ~ auf den Weg, auf die Natur, auf die Wanderer? Auch beim Werk MEHR von Jochen Guinand bleibt die Frage nach dem Mehr offen ~ wahrscheinlich mehr Sonne, denn der arme Mann aus Holz mit dem moppeligen Bauch steht an einer recht feuchten Ecke des Waldes. Nicht wirklich moderne Kunst ist der Dreikönigstein ganz in der Nähe. Original oder Fälschung? Jedenfalls eine Kopie, 1986 aufgestellt, nachdem das Original des Grenzsteins gestohlen wurde.


Zum Schluß noch eine Bemerkung zu den ersten drei Bildern, die mit dem Ars Natura nicht allzuviel zu tun haben. Das erste steht in der Tradition der Magirus-Suchbilder, das gab es schon lange nicht mehr 🙂 Die beiden nächsten widmen sich einer Überraschung am Morgen. Auf dem benachbarten Rapsfeld waren in der Dämmerung viele pampelmusengroße Gespinnstbälle zu sehen, die am Vortag noch nicht da waren. Ein Wunder? Wie man’s nimmt! Das hauchzarte Geflecht war nur nach Benetzung mit dem Morgennebel sichtbar und verschwand wieder, nachdem die Sonne sich durchgekämpft hatte ~ Zauberei der natürlichen Art!

Spessart im großen, tiefen Loch . . .

Nicht nur zu Hause ist es schön, wie ich schon öfter feststellen konnte. Schön war auch dem Lauf des Mains zu folgen, Schlaufe für Schlaufe flußaufwärts von Wörth bis nach Gemünden, schiffbar und beschifft, trotzdem gewissermaßen weitgehend naturbelassen. Da der Main dann wieder gen Süden abbiegt (eigentlich: wieder von Süden her kommt), ich aber nach Norden wollte, mußten wir den Fluß verlassen und uns durch den nördlichen Teil des Naturparks Bayrischer Spessart schlagen, wegen einer Umleitung in einem großen Bogen. Schon nach wenigen Kilometern meldete das Handy: keinen Empfang mehr ~ und das wollte sich auch nicht mehr ändern. Jede Netzsuche fand höchstens das Netz der Telekom, O² und Vodafone über gut 50 Km nicht existent 🙁 Erst am nächsten Mittag, als die Autobahn 7 in Sicht kam, gabs wieder Telefon und vor allem Internet. Grausig, wie das dem Nomaden zwischen der analogen und der digitalen Welt fehlt!

Der Bewohner des Spessarts verteidigt seine Heimat anscheinend nicht nur gegen die bösen Handystrahlen, man findet Plakate gegen Windkraftwerke, Stromtrassen und eine ICE-Strecke, die es mittlerweile schon gibt. Und außerdem eine sehr, sehr, sehr schöne Landschaft . . . .

Die beiden ersten Bilderchen sind übrigens nicht unbedingt etwas für die Puristen unter euch, beide sind recht kräftig bearbeitet. Pharisäer bitte wegschauen! 🙂
der fahrende Ritter bricht das Schweigen . . .

Die besten Dinge begegnen einem immer unverhofft. So lugte nach der letzten Übernachtung auf der Reise durch den Odenwald über die Baumwipfel auf dem Hügel über uns der Kranz eines Turmes, was selbstverständlich genauer untersucht werden mußte. Also frischauf!, der fahrende Ritter quiXote klimmt den Berg hinan, um dem Burgherrn seine Aufwartung und der dort bestimmt wohnenden Prinzessin den Hof zu machen.

Einen verwunschenen und verschlafenen Eindruck macht die Burg, fast ganz mit Efeu überwachsen. Zugbrücke und Tore schon lange im Staub der Zeit versunken, steht sie schutzlos da, kein Verteidiger läßt sich blicken, kein Burgherr. Und auch keine Prinzessin 🙁

Nun, die Zeiten haben sich geändert, es gibt kaum mehr Aventiuren zu bestehen. Die Windmühlen gehören inzwischen ja offiziell zu den Guten (ökologisch gesehen, wenn auch nicht alle zustimmen, von wegen Verspargelung und Fledermäusen), überhaupt sind diese modernen Windmühlen sogar für einen quiXote zu gigantisch. Auch die Tradition der Minne steht nicht mehr hoch im Kurs, wie der hier berichtende Ritter schon vor Jahrzehnten feststellen mußte. Einen Liebesbrief zu schreiben ist inzwischen die effektivste Art, die Dame seines Herzens dazu zu bringen, so schnell und so weit wie möglich davonzulaufen ~ und nie wieder von sich hören zu lassen. Probiert es ruhig aus! Und während früher die fahrenden Ritter überall gern gesehene Gäste waren, deren Geschichten von fernen Landen und gefährlichen Aventiuren man gerne lauschte, wurde diesem hier neulich sogar nachgesagt, er erzähle zu weitschweifig und umständlich. Kann man das fassen?

JaJa! Wir leben in furchtbaren und desolaten Zeiten, nicht mal mehr die Nostalgie ist das, was sie mal war und zu sein hätte! 🙁


Diese Burg allerdings, so stellt sich bald anhand von aufgestellten sprechenden Tafeln heraus, ist nicht nur eine Burg, sondern DIE BURG! Burg Wildenberg ist nicht nur dreimal so groß (90 x 39 Meter) wie eine gewöhnliche Burg, sie ist mit einem Torturm ausgestattet, der in besseren Zeiten ein Kreuzgewölbe und darüber eine Kapelle mit einem Außenerker trug (in oder auf dem allerdings keine Prinzessin den fahrenden Ritter begrüßte), außerdem einen Palas mit einem 200 m² großen Rittersaal, für den Winter mit einem großen Kamin, in dem auf fast 9 m² Fläche wohl der halbe Wald verfeuert wurde. Darüber ein Arkadensaal mit großen Bogenfenstern, lichtdurchflutet, in dem Ritter und Damen im Sommer rauschende Feste feiern konnten.



Burg Wildenberg war, wenn man den sprechenden Tafeln und den magischen Seiten von Wikipedia glauben schenken will, das Vorbild für die Gralsburg Munsalvaesche in Wolfram von Eschenbachs Parzival. Man munkelt, er habe den mittelhochdeutschen höfischen Roman in Tradition der Artusepik zumindest teilweise hier geschrieben. Zeitlich würde es wohl passen, die Burg wurde um 1180 bis 1200 gebaut, Parzival zwischen 1200 und 1210 geschrieben. Die Bauherren, die von Dürn, mußten übrigens die Burg in den 1270er Jahren wieder verkaufen, sie hatten sich wohl finanziell etwas übernommen . . .

Aber zurück zu Parsival. Ein Gralssucher. Nun frag ich euch: wer sucht heute noch nach dem Gral? Die meisten Leut wissen nicht mal mehr, was ein oder der Gral ist. Man war sich übrigens auch damals schon nicht ganz sicher, war das nun eine güldene Schale, ein Kelch? Oder ein Stein (lapis exillis)? Jedenfalls war die Suche nach dem Gral die Suche nach dem verlorenen Paradies. Heut sind die Leut schon überfordert, wenn sie ihr verlorenes Schlüsselbund suchen. Ich saach ja: wir leben in furchtbaren und desolaten Zeiten! 🙁




Ein zweites Mal, allerdings nicht zum Ruhme der Burg, spielte eine auch literarisch (Goethe!) verarbeitete Figur eine allerdings zerstörerische Rolle, als im Bauernkrieg die Hellen Haufen des Götz von Berlichingen die Burg Wildenberg am 4. Mai 1525 niederbrannten. Seitdem ist sie eine Ruine. Der ‚Ritter mit der Eisernen Hand‚ war aber anscheinend eher gezwungenermaßen Hauptmann der Bauern, die in den 12 Artikeln Menschen- und Freiheitsrechte forderten ~ er selbst scheint eher eine Art Söldner und Wegelagerer mit sehr zweifelhafter Historie gewesen zu sein. Vielleicht waren die Zeiten damals doch noch furchtbarer . . . 🙁




Alsdann, besteige ich wieder meine treue Rosinante, die ich am örtlichen Gartenzaun festgebunden habe, und mache mich auf den Weg, zu neuen Aventiuren! Bis bald! 🙂


























